Vergebung macht frei!
Carmen Hinkey
Dezember 2009
Unbekannte haben am Eingangstor zum früheren KZ Auschwitz das Schild mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" gestohlen. Die Öffentlichkeit reagierte mit Empörung und Trauer – beides völlig berechtigt.
Noch vor ein paar Wochen hätte ich eine solche Meldung kaum beachtet. Ich hätte es beim Lesen der Schlagzeilen bewenden lassen. Heute jedoch lese ich alles, was mir darüber in die Finger kommt. Was hat sich geändert?
Mein Mann und ich sind eingeladen worden, Ende Januar 2010 zusammen mit einer Delegation das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz zu besuchen. Anlass ist der 65. Jahrestag seiner Befreiung am 27. Januar 1945. Ich werde unter diesem Zeichen hindurchgehen – im Schatten der Millionen von Füßen, die einst durch dieses Tor gingen und niemals wieder zurückkamen.
Doch unsere Delegation unterscheidet sich von anderen Gruppen, die für die offizielle Gedenkfeier dort sein werden. Immer wieder hört man bei Gedenkveranstaltungen an den Holocaust das Schlagwort: „Niemals vergeben – Niemals vergessen“. Unsere Delegation unter der Leitung von Eva Kor, einer Überlebenden, wird niemals vergessen. Doch wir hoffen zu lernen, was Vergebung bedeutet. Eva war eine der vielen Zwillinge, die von dem berüchtigten Doktor Mengele für seine Versuche missbraucht wurden. Sie hat sich selbst von den ihr Leben wie eine Wolke überschattenden Anklagen frei gemacht, indem sie Josef Mengele und all den anderen Nazi-Offiziellen vergab. So wurde sie vom Opfer zum Heiler – eine Wiedergeburt, die gechenkt wird, wenn man tiefe Verletzungen vergeben kann. Andere Opfer reagieren gewöhnlich mit Empörung, wenn sie Evas Geschichte hören. Und das ist verständlich. Ich kann nicht erklären, wie Eva es geschafft hat, zu vergeben. Aber ich habe es sehr zu Herzen genommen und darüber nachgedacht.
Ich bin die Tochter einer Frau, die ebenfalls den Nazis vergeben hat. Meine Mutter war ein kleines Mädchen, als ihr alles und jedes, das sie einmal geliebt hatte, vom Nazi-Regime weggenommen wurde. Sie kam mit dem Leben davon, aber als der Krieg zu Ende war stellte sie fest, dass sie die einzige noch Lebende aus dem Kreis ihrer Freunde und Bekannten war. So wurde sie selbst zur Überlebenden. Ihre Geschichte wurde veröffentlicht in dem Buch Wer vergibt, heilt auch sich selbst von Johann Christoph Arnold:
“Hela Ehrlich wuchs im Nazi-Deutschland auf. Ihrer Familie gelang es, noch kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zu emigrieren. So entkamen sie den Todeslagern. Aber trotzdem haben sie sehr viel Leid erfahren. Ihr Vater starb mit nur zweiundvierzig Jahren, und durch den Holocaust verlor sie die Großeltern mütterlicher- und väterlicherseits wie auch die Freunde aus ihrer Kindheit. Sie erzählt von ihrem langen inneren Kampf und ihrem starken Widerwillen zu verzeihen, der eines Tages seinen Höhepunkt erreichte:
‚Zitternd setzte ich mich hin und mir ging auf, dass ich auch Spuren des Hasses finden würde, wenn ich mein eigenes Herz erforschte. Ich erkannte, dass dieser Hass zu jedem Menschen gehört. Arrogantes Denken, Wut auf andere, Kälte, Neid, sogar Gleichgültigkeit – dies sind die Wurzeln dessen, was in Nazi-Deutschland geschehen war. Plötzlich erkannte ich so klar wie nie zuvor, dass ich selbst verzweifelt der Vergebung bedurfte, und schließlich fühlte ich mich vollkommen frei.’“
Seit wir unsere Reise nach Auschwitz planen, habe ich viel über meine Mutter nachgedacht. Sie selbst hatte vor ihrem Tod niemals darüber gesprochen, wie sie selbst zur Vergebung fand – ganz bestimmt nicht in der Öffentlichkeit. Wenn ich vor den Öfen in Auschwitz stehen und die Yarzeit-Kerzen zum Gedächtnis anzünden werde, will ich an die Millionen Seelen denken, die hier umkamen. Und ich will an meine Mutter denken, die in ihrem Herzen das Unverzeihliche vergeben konnte.
Das reparierte Zeichen über dem Eingangstor von Auschwitz sagt „Arbeit macht frei“. Das war eine Lüge und wir immer eine Lüge sein. Das einzige, was dich wirklich frei macht, ist Vergebung.